Es passiert mir immer wieder, dass ich mitten in einer ganz gewöhnlichen Situation plötzlich bemerke, wie weit mein Denken mir schon vorausgelaufen ist. Ein Blick, eine Bemerkung, eine kurze Nachricht genügt und in meinem Kopf entsteht innerhalb weniger Sekunden eine ganze Geschichte. Ich deute, vermute, erinnere mich, ziehe Schlüsse und beginne innerlich bereits auf etwas zu reagieren, das in dieser Form vielleicht noch gar nicht geschehen ist. Früher habe ich solche inneren Abläufe kaum beachtet. Gedanken waren eben Gedanken. Sie tauchten auf, verschwanden wieder und schienen zunächst wenig mit der Richtung meines Lebens zu tun zu haben. Erst mit der Zeit wurde mir deutlicher, wie oft ich nicht auf das reagiere, was tatsächlich vor mir liegt, sondern auf das, was mein Denken daraus gemacht hat.
Das Merkwürdige daran ist, dass sich Gedanken selten wie eine fremde Stimme anfühlen. Sie sprechen in meinem eigenen Ton. Gerade deshalb fällt es so leicht, ihnen zu glauben. Wenn in mir der Gedanke auftaucht, dass etwas wahrscheinlich schiefgehen wird, fühlt er sich nicht unbedingt wie eine Vermutung an. Er kann sich wie eine nüchterne Einschätzung anfühlen. Wenn ich denke, dass ein anderer Mensch mich ablehnt, erscheint mir das möglicherweise nicht als Interpretation, sondern als Wahrnehmung. Und wenn ich mir über Jahre hinweg immer wieder erzählt habe, dass etwas nicht zu mir passt, dass ich für etwas nicht gemacht bin oder dass bestimmte Dinge nun einmal so sind, kann daraus eine innere Wirklichkeit entstehen, die ich irgendwann gar nicht mehr hinterfrage. Ich bewege mich dann innerhalb von Grenzen, deren Ursprung ich kaum noch kenne.
Viele dieser Gedanken entstehen nicht bewusst. Sie sind älter als die jeweilige Situation, in der sie auftauchen. Manche scheinen aus Erfahrungen zu kommen, andere aus Sätzen, die ich irgendwann gehört habe, aus Erwartungen, gesellschaftlichen Vorstellungen oder aus dem Versuch, mich vor Enttäuschung zu schützen. Unser Gehirn arbeitet ohnehin mit Gewohnheiten, Erfahrungen und Vorhersagen. Es versucht, Situationen einzuordnen und auf Bekanntes zurückzugreifen. Das ist etwas zutiefst Menschliches und in vielen Momenten hilfreich. Doch ich habe bei mir beobachtet, wie leicht aus einem vertrauten Denkmuster eine unsichtbare Führung werden kann. Etwas geschieht heute und wird durch etwas beurteilt, das vielleicht vor vielen Jahren entstanden ist.
Gerade deshalb finde ich den Gedanken so interessant, dass wir uns selbst oft für sehr bewusste Entscheider halten. Ich entscheide mich für oder gegen einen Menschen, einen Weg, eine Aufgabe oder eine Veränderung und erkläre mir anschließend, weshalb diese Entscheidung vernünftig war. Doch wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich gelegentlich eine längere Geschichte davor. Ein Gedanke hat eine Stimmung erzeugt. Diese Stimmung hat meine Wahrnehmung verändert. Aus der veränderten Wahrnehmung entstand eine Reaktion und aus dieser Reaktion schließlich eine Entscheidung, die sich im Nachhinein vollkommen logisch anfühlt. Der eigentliche Anfang dieses Weges liegt dann so weit zurück, dass ich ihn gar nicht mehr sehe. Ich erkenne nur noch das Ergebnis und halte es für meine freie, klare Wahl.
Besonders deutlich wird das für mich dort, wo Gedanken sich ständig wiederholen. Ein einzelner Zweifel verändert mein Leben kaum. Ein Gedanke jedoch, der über Jahre immer wieder auftaucht, kann allmählich zu einer Haltung werden. Aus „Das könnte schwierig werden“ wird irgendwann „Das kann ich nicht“. Aus einer einzelnen schlechten Erfahrung kann „Menschen sind eben so“ entstehen. Aus dem Gefühl, in einer bestimmten Situation nicht zu genügen, kann sich unbemerkt die Vorstellung entwickeln, grundsätzlich nicht genug zu sein. Solche Sätze müssen nicht ständig bewusst gedacht werden. Gerade die tiefsten Überzeugungen laufen oft so selbstverständlich mit, dass sie gar nicht mehr als Gedanken erscheinen. Sie wirken eher wie Tatsachen über uns selbst und über die Welt.
Ich habe bei mir erlebt, wie stark solche inneren Vorstellungen sogar beeinflussen können, was ich überhaupt wahrnehme. Wenn ich mit einer bestimmten Erwartung in eine Situation gehe, fallen mir häufig genau die Dinge auf, die zu dieser Erwartung passen. Das bedeutet nicht, dass ich mir die Welt beliebig erschaffe oder dass alles nur eine Frage des Denkens wäre. Eine solche Vorstellung wäre mir zu einfach. Äußere Umstände sind real, andere Menschen haben ihren eigenen Willen und das Leben lässt sich nicht durch positive Gedanken nach unseren Wünschen formen. Was ich jedoch beeinflusse, ist die Bedeutung, die ich einer Erfahrung gebe. Zwei Menschen können etwas Ähnliches erleben und innerlich völlig verschieden darauf antworten. Auch bei mir selbst kann dieselbe Situation an unterschiedlichen Tagen etwas anderes auslösen, je nachdem, welche Gedanken bereits in mir aktiv sind.
Mit der Zeit wurde mir deshalb wichtig, Gedanken nicht mit Wahrheit gleichzusetzen. Das klingt zunächst einfach, ist für mich im wirklichen Leben aber wesentlich anspruchsvoller. Ein Gedanke kann sehr überzeugend sein. Er kann mit einem starken Gefühl verbunden sein und sich dadurch noch wirklicher anfühlen. Trotzdem bleibt er zunächst eine innere Aussage über etwas. Diese kleine Unterscheidung hat für mich vieles verändert. Ich muss einen Gedanken nicht bekämpfen und auch nicht sofort durch einen schöneren ersetzen. Oft genügt es schon, ihn überhaupt als Gedanken zu erkennen. In solchen Augenblicken entsteht ein kleiner Abstand zwischen dem, was in meinem Kopf auftaucht, und dem, was ich daraus mache. Dieser Abstand ist für mich kein leerer Raum. Er ist ein Stück Freiheit.
Genau hier sehe ich eine enge Verbindung zu meinem Buch „Ich – Deine beste Lügnerin“. Darin beschäftige ich mich mit den vielen Arten, wie wir uns selbst beeinflussen, ohne es bewusst zu bemerken. Das geschieht nicht nur durch offensichtliche Selbsttäuschung. Viel subtiler sind jene Gedanken, die so lange Teil unseres inneren Alltags geworden sind, dass wir sie gar nicht mehr prüfen. Wir handeln danach, vermeiden bestimmte Erfahrungen, suchen Bestätigung für unsere Sichtweise und nennen das anschließend Persönlichkeit, Vernunft oder Realität. Mich interessiert daran weniger die Frage, ob ein Gedanke richtig oder falsch ist. Spannender finde ich, wie viel Macht er bekommt, sobald ich vergesse, dass ich ihn überhaupt denken kann, ohne ihm folgen zu müssen.
Je mehr ich auf diese inneren Bewegungen achte, desto weniger eindeutig erscheint mir die Vorstellung, ich würde mein Leben ausschließlich durch bewusste Entscheidungen gestalten. Vieles läuft leiser. Ein Gedanke verändert den Blick, der Blick verändert das Gefühl, das Gefühl verändert die nächste Reaktion und irgendwann stehe ich an einem Ort, von dem ich überzeugt bin, ihn ganz bewusst gewählt zu haben. Diese Erkenntnis empfinde ich nicht als beunruhigend. Im Gegenteil. Sie macht mich neugieriger auf das, was in mir geschieht, bevor eine Entscheidung sichtbar wird. Denn irgendwo zwischen dem ersten kaum bemerkten Gedanken und dem Schritt, den ich schließlich setze, liegt ein Teil meines Lebens, den ich lange übersehen habe.