Wenn die Seele wieder spricht

Was wir erkennen, wenn wir wieder nach innen hören

Wenn die Seele wieder spricht

Es gibt Augenblicke, in denen ich etwas weiß, ohne genau sagen zu können, woher dieses Wissen kommt. Nicht im Sinn einer sicheren Antwort und auch nicht als Stimme, die mir einen fertigen Weg vorgibt. Es ist eher ein stilles Empfinden, das sich unter all den Gedanken bemerkbar macht. Ein Gefühl dafür, dass etwas nicht mehr zu mir passt. Eine unerwartete Ruhe bei einer Entscheidung, die mein Verstand noch gar nicht vollständig nachvollziehen kann. Oder die leise Erkenntnis, dass ich mich in den vergangenen Wochen so sehr mit allem beschäftigt habe, was von außen an mich herangetragen wurde, dass ich mich selbst darin kaum noch gehört habe. Für solche Momente benutze ich manchmal das Wort Seele. Nicht weil ich behaupten könnte, genau zu wissen, was die Seele ist oder wo sie beginnt. Für mich beschreibt dieses Wort einen sehr inneren Bereich meines Erlebens, der nicht ständig argumentiert und sich dennoch bemerkbar machen kann, wenn es um mich herum und in mir leiser wird.

Lange Zeit habe ich Entscheidungen vor allem danach beurteilt, ob sie vernünftig waren. Ich habe Gründe gesammelt, Folgen abgewogen und versucht, möglichst klar zu verstehen, was richtig oder falsch sein könnte. Das tue ich bis heute, denn ich schätze meinen Verstand und möchte ihn nicht gegen irgendeine spirituelle Vorstellung austauschen. Doch ich habe erlebt, dass eine Entscheidung äußerlich vollkommen logisch erscheinen und sich innerlich trotzdem fremd anfühlen kann. Umgekehrt gab es Wege, bei denen noch nicht alles geklärt war und die dennoch etwas in mir berührten, das sich sehr ruhig und stimmig anfühlte. Früher habe ich solche Empfindungen leichter übergangen, weil sie sich nicht beweisen ließen. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich nicht alles, was ich in mir wahrnehme, beweisen muss, um es ernst nehmen zu dürfen. Ernst nehmen bedeutet für mich dabei nicht, jedem Gefühl sofort zu folgen. Es bedeutet zunächst nur, es nicht reflexartig zum Schweigen zu bringen.

Das geschieht leichter, als ich früher dachte. Unser Alltag ist voller Stimmen darüber, was wichtig ist, was Erfolg bedeutet, wie wir leben, aussehen, arbeiten, denken oder uns entwickeln sollten. Manche dieser Stimmen kommen von Menschen, die uns nahestehen, andere aus der Gesellschaft, aus Medien oder aus Vorstellungen, die wir irgendwann übernommen haben. Vieles davon ist so vertraut geworden, dass ich kaum noch erkenne, ob ein Gedanke wirklich aus mir selbst kommt oder ob ich ihn seit Jahren nur wiederhole. Besonders deutlich wird mir das, wenn ich mich dabei ertappe, etwas zu verfolgen, das ich vermeintlich unbedingt möchte, und plötzlich nicht mehr sagen kann, weshalb es mir eigentlich so wichtig ist. Dann entsteht diese eigenartige Frage: Will ich das wirklich oder habe ich nur gelernt, es wollen zu sollen?

Für mich beginnt das innere Hören genau an solchen Stellen. Nicht mit einer außergewöhnlichen spirituellen Erfahrung, sondern mit einer kleinen Irritation. Etwas passt nicht mehr zusammen. Mein äußeres Handeln und mein inneres Empfinden sprechen nicht dieselbe Sprache. Solange ich beschäftigt bleibe, kann ich diese Spannung erstaunlich lange übergehen. Ich kann weiter funktionieren, Entscheidungen treffen und mein Leben organisieren. Erst wenn ich ruhiger werde, wird deutlicher, was darunter liegt. Das kann angenehm sein, muss es aber nicht. Nach innen zu hören bedeutet nicht nur, schöne Wahrheiten über sich zu entdecken. Es kann heißen zu erkennen, dass ich mich aus Angst angepasst habe, dass ich an etwas festhalte, das längst vergangen ist, oder dass ich eine Rolle erfülle, die mir einmal Sicherheit gegeben hat und heute eher eng geworden ist.

Gerade deshalb empfinde ich die Vorstellung von der Seele nicht als etwas, das ständig sanft und tröstend zu uns spricht. Wenn ich dieses Wort benutze, meine ich keine innere Instanz, die immer bereits die perfekte Antwort kennt. Für mich ist es eher ein Bild für jene tiefere Ebene, auf der ich mich nicht so leicht belügen kann. Dort kann ich mir noch immer vieles erklären, aber manche Dinge fühlen sich trotzdem nicht mehr wahr an. Ein Satz, den ich jahrelang über mich gedacht habe, verliert plötzlich seine Selbstverständlichkeit. Ein Ziel, dem ich lange gefolgt bin, löst keine Freude mehr aus. Ein alter Schmerz zeigt sich nicht, weil er mich bestrafen möchte, sondern weil ich ihn irgendwann nicht mehr mit Beschäftigung überdecken kann. Solche Erfahrungen empfinde ich nicht als Beweis für etwas Übernatürliches. Sie sind für mich Formen innerer Wahrnehmung, die eine eigene Tiefe besitzen.

Dabei habe ich gelernt, vorsichtig mit dem Begriff der inneren Stimme umzugehen. Nicht alles, was aus mir kommt, ist automatisch Weisheit. Angst spricht ebenfalls aus mir. Alte Verletzungen tun es auch. Wünsche, Erwartungen und Gewohnheiten können sehr überzeugend sein. Wenn ich unbedingt möchte, dass etwas wahr ist, kann ich dieses Wollen leicht mit einem tiefen inneren Wissen verwechseln. Deshalb fühlt sich die Seele für mich, wenn ich bei diesem Wort bleibe, weniger wie eine Stimme an, die genaue Anweisungen gibt. Eher wie eine Bewegung hin zu größerer Wahrhaftigkeit. Sie sagt mir nicht unbedingt, was ich tun soll. Aber ich spüre deutlicher, wo ich mich von mir entferne, wo etwas in mir weit wird oder wo ich innerlich ständig gegen mich selbst argumentieren muss.

Diese Erfahrung verbindet sich für mich sehr stark mit „New Reiki – Zurück zum Ursprung“. In meiner Beschäftigung mit Reiki habe ich über die Jahre immer mehr den Wunsch verloren, jede Wahrnehmung sofort nach einer vorgegebenen Vorstellung einzuordnen. Ich habe für mich erfahren, dass innere Verbindung oft dort klarer wird, wo ich nicht schon vorher entscheide, was ich fühlen müsste. Je weniger ich eine bestimmte Erfahrung erzwingen will, desto ehrlicher kann ich wahrnehmen, was tatsächlich da ist. Genau darin liegt für mich auch die Bedeutung des Zurück zum Ursprung. Nicht zurück zu einer idealisierten Vergangenheit, sondern zurück zu einem unmittelbaren Erleben, bevor Wissen, Erwartungen und fremde Deutungen alles überlagern. Die Seele, wenn ich sie so nennen darf, braucht für mich keine spektakulären Zeichen. Sie braucht eher einen Raum, in dem nicht schon alles erklärt worden ist.

Vielleicht berührt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich im Laufe meines Lebens erkannt habe, wie leicht man sich selbst verlieren kann, ohne dass äußerlich etwas Dramatisches geschieht. Es genügt, lange genug nur noch darauf zu achten, was funktioniert. Was erwartet wird. Was vernünftig aussieht. Was andere beruhigt oder bestätigt. Irgendwann lebt man ein Leben, das von außen vollkommen stimmig erscheinen kann, während innen etwas kaum noch beteiligt ist. Das geschieht selten von einem Tag auf den anderen. Es ist eher ein langsames Entfernen. Und genauso leise kann die Rückkehr beginnen. Durch einen Gedanken, der plötzlich nicht mehr übergangen werden kann. Durch eine Müdigkeit, die mehr erzählt als nur von einem langen Tag. Durch eine unerklärliche Sehnsucht nach etwas Einfacherem, Wahrhaftigerem oder Eigenem.

Wenn ich heute sage, dass die Seele wieder spricht, meine ich deshalb nicht, dass plötzlich eine verborgene Stimme aus einer anderen Welt zu hören wäre. Ich meine diesen Moment, in dem ich mich selbst wieder ernst genug nehme, um nicht sofort über das hinwegzugehen, was in mir auftaucht. Es kann ein sehr stiller Moment sein, äußerlich vollkommen unscheinbar. Doch manchmal verändert genau er etwas. Ich sitze irgendwo, schaue aus einem Fenster oder gehe einen vertrauten Weg, und für einen Augenblick muss ich nichts erklären. Da ist nur dieses Empfinden, wieder etwas näher bei mir zu sein. Vielleicht hat die Seele nie aufgehört zu sprechen. Vielleicht war mein Leben nur eine Zeit lang zu laut, um zu bemerken, dass sie noch da war.


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