Wenn unsere eigene Geschichte zur Wahrheit wird

Wie Selbstbild, Erinnerung und Rechtfertigung unsere Sicht auf uns selbst formen

Wenn unsere eigene Geschichte zur Wahrheit wird

Es gibt Entscheidungen in meinem Leben, die ich mir rückblickend lange anders erklärt habe, als ich sie wahrscheinlich wirklich getroffen hatte. Damals war ich überzeugt, vernünftig zu handeln. Ich hatte Gründe, Argumente und eine Geschichte, die in sich stimmig war. Erst mit Abstand erkannte ich, dass unter dieser Geschichte noch etwas anderes gelegen hatte. Angst, Bequemlichkeit, verletzter Stolz, der Wunsch nach Anerkennung oder schlicht das Bedürfnis, eine unangenehme Wahrheit nicht näher ansehen zu müssen. Das Erstaunliche daran war für mich weniger, dass ich mich getäuscht hatte. Erstaunlicher war, wie wahr sich diese Erklärung damals angefühlt hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, mir etwas vorzumachen. Ich glaubte tatsächlich an meine eigene Version dessen, was geschehen war. Genau darin liegt für mich etwas Faszinierendes: Eine Geschichte über uns selbst muss nicht erfunden sein, um uns zu täuschen. Es genügt, wenn sie nur einen Teil dessen erzählt, was tatsächlich in uns vorgegangen ist.

Mit der Zeit habe ich bemerkt, wie sehr wir darauf angewiesen sind, uns selbst als einigermaßen zusammenhängende Menschen zu erleben. Wir möchten verstehen, weshalb wir etwas tun, warum wir eine Entscheidung getroffen haben oder weshalb wir an einer bestimmten Stelle unseres Lebens stehen. Vollständige Widersprüchlichkeit wäre schwer auszuhalten. Also verbindet unser Denken Erfahrungen, Gefühle und Erinnerungen miteinander und formt daraus etwas, das Sinn ergibt. Darin sehe ich zunächst nichts Problematisches. Ohne solche inneren Zusammenhänge könnten wir uns vermutlich kaum orientieren. Schwieriger wird es dort, wo die Geschichte nicht mehr nur eine Deutung unserer Erfahrung ist, sondern langsam zu der Wahrheit über uns selbst wird.

Ich kenne das besonders in Verbindung mit meinem eigenen Selbstbild. Wenn ich mich für unabhängig halte, fällt es mir schwerer zu erkennen, wie sehr mich die Zustimmung eines anderen Menschen beschäftigt. Wenn ich mich als großzügig erlebe, gefällt mir die Vorstellung nicht, dass Neid Teil einer Reaktion gewesen sein könnte. Wenn ich mich für mutig halte, klingt Vorsicht angenehmer als Angst. Dann muss ich mein Selbstbild nicht unbedingt verändern. Es reicht oft, die Bedeutung dessen anzupassen, was geschehen ist. Aus dem Wunsch nach Anerkennung wird Sachlichkeit. Aus gekränktem Stolz wird ein Prinzip. Aus Angst wird vernünftiges Abwarten. Nichts davon muss vollkommen falsch sein. Gerade das macht solche Erklärungen so überzeugend. Sie enthalten genug Wahrheit, um glaubwürdig zu wirken, und lassen zugleich jene Teile im Hintergrund, die nicht so gut zu dem Menschen passen, für den ich mich halte.

Besonders interessant wird es für mich bei Mustern, die sich über längere Zeit wiederholen. Wenn ich etwas einmal nicht tue, kann es dafür zahllose vernünftige Gründe geben. Wenn ich aber über Jahre an derselben Stelle zurückweiche und jedes Mal eine neue Erklärung finde, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Früher konnte ich mir lange sagen, der richtige Zeitpunkt sei einfach noch nicht gekommen, andere Dinge seien wichtiger oder eine Entscheidung müsse weiter reifen. Rückblickend wurde mir gelegentlich deutlich, dass unter all diesen wechselnden Begründungen etwas erstaunlich Konstantes lag. Ich wollte nicht erleben, was geschehen könnte, wenn ich wirklich handle. Solange ich nicht beginne, kann ich nicht scheitern. Solange ich mich nicht zeige, kann ich nicht abgelehnt werden. Solange ich keine eindeutige Entscheidung treffe, bleiben mehrere Möglichkeiten offen. Mein Denken musste diese Angst nicht erfinden. Es musste ihr nur einen anderen Namen geben.

Noch deutlicher wird diese innere Erzählung für mich, wenn ich auf Erinnerungen schaue. Ich habe erlebt, dass sich die Bedeutung vergangener Situationen im Laufe der Jahre verändert. Nicht unbedingt, weil ich bewusst etwas verfälsche, sondern weil Erinnerung für mich nie wie eine unveränderliche Aufzeichnung funktioniert hat. Ich erinnere mich aus meinem heutigen Blick heraus. Erfahrungen, die damals vielleicht offen, widersprüchlich oder kaum verstanden waren, bekommen später einen Zusammenhang. Plötzlich scheint eine Entwicklung schon immer auf einen bestimmten Punkt zugelaufen zu sein. Eine Beziehung war rückblickend angeblich von Anfang an so, wie ich sie heute bewerte. Eine Entscheidung erscheint unvermeidlich. Aus einzelnen Erlebnissen wird eine Lebensgeschichte, und je häufiger ich sie erzähle, desto vertrauter und geschlossener wirkt sie.

Gerade solche Sätze wie „Ich war eben schon immer so“ machen mich inzwischen aufmerksam. Sie können stimmen und dennoch vieles verdecken. Sie geben meinem Leben Kontinuität, können aber gleichzeitig Veränderungen, Widersprüche und Seiten meiner Persönlichkeit unsichtbar machen, die nicht in diese Geschichte passen. Auch andere Menschen helfen uns oft dabei, solche Erzählungen zu festigen. Wenn ich einem Freund eine Situation aus meiner Perspektive schildere und Zustimmung bekomme, fühlt sich meine Sicht verständlicherweise noch überzeugender an. Heute ist es zudem leichter denn je, für nahezu jede Überzeugung Menschen, Erklärungen und Erfahrungen zu finden, die sie bestätigen. Das bedeutet nicht, dass Zustimmung wertlos wäre. Aber sie macht eine Geschichte nicht automatisch vollständiger.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Ehrlichkeit verändert. Ehrlich mit mir selbst zu sein bedeutet für mich heute nicht mehr, jederzeit genau zu wissen, weshalb ich etwas tue. Oft weiß ich das gerade nicht. Meine Motive können gemischt sein, meine Erinnerungen unvollständig und meine Erklärungen von meinem heutigen Selbstbild geprägt. Ich empfinde es inzwischen als ehrlicher, eine Erklärung als Möglichkeit stehen zu lassen, statt sie sofort zur endgültigen Wahrheit zu machen. „So sehe ich es heute“ fühlt sich für mich anders an als „So war es“. In diesem kleinen Unterschied liegt Raum. Raum dafür, dass eine spätere Erfahrung etwas sichtbar machen kann, das ich heute noch nicht erkenne.

Genau diese Frage hat auch viel mit „Ich – Deine beste Lügnerin“ zu tun. Beim Schreiben hat mich nicht nur interessiert, wie wir uns in einzelnen Momenten selbst täuschen, sondern wie aus unzähligen kleinen Deutungen irgendwann eine ganze Geschichte über uns entstehen kann. Die innere Lügnerin muss dabei keine fremde Stimme sein, die uns etwas Falsches einredet. Sie spricht mit unseren eigenen Worten. Sie kennt unsere Erinnerungen, unsere Ängste, unsere Wünsche und das Bild, das wir gern von uns bewahren möchten. Gerade deshalb wirken ihre Erklärungen so vertraut. Wir erkennen sie nicht als Manipulation, weil sie sich wie unsere eigene Wahrheit anhören.

Ich versuche deshalb heute nicht, meine Lebensgeschichte grundsätzlich infrage zu stellen. Auch sie gehört zu mir. Sie gibt Erfahrungen Zusammenhang und hilft mir, mich selbst zu verstehen. Ich möchte nur nicht vergessen, dass sie eine Perspektive bleibt. Dass dieselbe Vergangenheit aus einem anderen Lebensabschnitt heraus anders aussehen kann. Dass ein Motiv, das mir heute eindeutig erscheint, vielleicht nur ein Teil davon war. Und dass ich nicht weniger ehrlich bin, wenn ich mir eingestehe, mich selbst nicht vollständig zu durchschauen.

Hin und wieder fällt mir ein Satz auf, den ich seit Jahren über mich erzähle. Er klingt vertraut, logisch und beinahe selbstverständlich. Doch plötzlich stimmt etwas daran nicht mehr ganz. Nicht so, dass ich ihn als Lüge entlarven könnte. Er ist nur zu eng geworden für das, was ich inzwischen wahrnehme. Solche Momente empfinde ich heute nicht als Verlust von Sicherheit. Eher als eine kleine Öffnung. Die Geschichte bleibt bestehen, aber sie muss nicht mehr alles erklären. Und vielleicht beginnt genau dort eine Form von Ehrlichkeit, die weniger darin besteht, endlich die ganze Wahrheit über sich zu kennen, als bereit zu bleiben, die eigene Geschichte noch einmal anders zu lesen.




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