Es gibt eine Form von Unruhe, die nach außen erstaunlich produktiv aussieht. Ich kenne sie gut. Noch schnell etwas erledigen, noch eine Nachricht beantworten, noch eine Kleinigkeit ordnen, noch etwas nachlesen, das eigentlich bis morgen warten könnte. Der Tag ist längst voll, aber irgendwo findet sich immer noch eine Aufgabe, die hineingeschoben werden kann. Lange habe ich darin vor allem Fleiß gesehen. Heute frage ich mich öfter, ob Beschäftigung nicht manchmal auch eine sehr elegante Möglichkeit ist, bestimmten inneren Momenten auszuweichen. Solange etwas zu tun ist, muss ich nicht unbedingt spüren, was auftaucht, wenn nichts mehr von mir verlangt wird.
Ich finde es bemerkenswert, wie selbstverständlich Beschäftigtsein inzwischen zu unserem Alltag gehört. Wer viel zu tun hat, wirkt gefragt, aktiv und wichtig. Ein voller Kalender kann fast wie ein Beweis dafür erscheinen, dass das eigene Leben Bedeutung besitzt. Auch ich kenne dieses Gefühl. Wenn ich etwas erledige, entsteht unmittelbar das Empfinden, voranzukommen. Ich sehe ein Ergebnis, kann einen Punkt abhaken und weiß, womit ich mich beschäftigen soll. Leerlauf dagegen ist viel weniger eindeutig. Er bietet keine Aufgabe und keine sofortige Rückmeldung. Plötzlich bin ich nicht mehr derjenige, der etwas erledigt, organisiert oder erreicht. Ich bin einfach nur da. Und genau dieses schlichte Dasein kann sich überraschend ungewohnt anfühlen.
Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass Beschäftigung nicht nur äußere Anforderungen erfüllt, sondern auch innerlich etwas reguliert. Solange mein Kopf mit Aufgaben gefüllt ist, hat anderes weniger Raum. Eine unangenehme Entscheidung kann warten. Eine Enttäuschung rückt in den Hintergrund. Ein Gefühl von Einsamkeit, Unzufriedenheit oder Erschöpfung lässt sich leichter überhören, wenn der nächste Termin bereits beginnt. Das bedeutet nicht, dass jeder volle Tag eine Flucht vor sich selbst ist. Das wäre viel zu einfach. Aber ich habe bei mir durchaus erlebt, dass es Zeiten gab, in denen ich mir lieber neue Aufgaben geschaffen habe, als einem inneren Zustand wirklich zuzuhören.
Gerade kleine freie Zwischenräume zeigen mir oft, wie stark diese Gewohnheit geworden ist. Früher gab es Wartezeiten, in denen ich einfach irgendwo stand oder saß. Heute kann ich nahezu jede Lücke füllen. Ein Blick auf das Telefon genügt und schon gibt es Nachrichten, Informationen, Bilder oder etwas, das meine Aufmerksamkeit bindet. Selbst wenige Minuten müssen nicht mehr leer bleiben. Das ist praktisch, aber es verändert auch etwas. Ich muss kaum noch erleben, wie sich mein eigener innerer Rhythmus anfühlt, wenn keine neuen Reize hinzukommen. Der Moment wird nicht langweilig, weil er an sich leer wäre. Er wird oft nur deshalb schwer auszuhalten, weil ich mich daran gewöhnt habe, dass ständig etwas geschieht.
Ich habe für mich festgestellt, dass unter dieser Unruhe nicht immer etwas Großes verborgen liegt. Es muss keine verdrängte Lebenskrise sein. Oft ist es viel unspektakulärer. Müdigkeit, die ich nicht wahrhaben möchte. Ein Gedanke, den ich nicht zu Ende denken will. Das Gefühl, eigentlich schon lange genug getan zu haben. Oder die leise Frage, ob all das, womit ich meinen Tag fülle, mir wirklich noch entspricht. Gerade solche einfachen Wahrnehmungen können unbequem sein, weil sie nicht sofort nach einer Lösung verlangen. Sie stehen nur da. Beschäftigung dagegen gibt mir sofort wieder eine Rolle. Ich tue etwas und muss mich für einen Moment nicht damit befassen, wer ich bin, wenn dieses Tun wegfällt.
Darin sehe ich auch einen Zusammenhang mit unserem Selbstwert. Wir leben in einer Umgebung, in der Leistung leicht messbar wird. Arbeit, Projekte, Ziele, Reichweite, Termine und Ergebnisse lassen sich zeigen. Stille lässt sich kaum vorweisen. Ein Nachmittag, an dem ich nichts Produktives getan habe, besitzt in unserer gewohnten Sprache wenig Prestige. Gerade deshalb kann Beschäftigung unbemerkt zu einer Bestätigung werden. Ich brauche sie dann nicht nur, weil Aufgaben erledigt werden müssen, sondern weil sie mir das Gefühl gibt, nützlich zu sein. Sobald ich das erkenne, wird die Frage unangenehm, ob mein Wert wirklich davon abhängt, wie viel ich an einem Tag geschafft habe.
An diesem Punkt berührt das Thema für mich auch „Ich – Deine beste Lügnerin“. In dem Buch beschäftige ich mich mit den feinen Geschichten, mit denen wir unser eigenes Verhalten plausibel machen. Beschäftigtsein eignet sich hervorragend dafür, weil es gesellschaftlich so positiv besetzt ist. Ich kann mir erzählen, dass ich eben viel Verantwortung trage, dass gerade keine Zeit für mich bleibt oder dass es im Moment einfach nicht anders geht. Das kann alles stimmen. Und trotzdem kann darunter eine zweite Wahrheit liegen. Vielleicht hält mich die Fülle auch davon ab, genauer hinzusehen. Gerade diese Überlagerung finde ich interessant. Selbsttäuschung besteht für mich nicht darin, dass alles, was ich mir erzähle, falsch sein muss. Oft ist nur ein Teil der Geschichte so laut, dass der andere kaum noch zu hören ist.
Je älter ich werde, desto stärker verändert sich deshalb mein Verhältnis zu ungenutzter Zeit. Früher empfand ich sie schneller als etwas, das gefüllt werden müsste. Heute interessiert mich eher, was geschieht, wenn ich nicht sofort eingreife. Es dauert manchmal eine Weile, bis die innere Geschwindigkeit nachlässt. Gedanken laufen weiter, der Impuls aufzustehen und etwas zu erledigen taucht auf, und plötzlich fallen mir Dinge ein, die angeblich dringend sind. Wenn ich diesen ersten Bewegungen nicht sofort folge, verändert sich häufig die Wahrnehmung. Nicht spektakulär und nicht immer angenehm. Aber ehrlicher. Ich merke eher, wie es mir tatsächlich geht, was mich beschäftigt und worauf ich vielleicht schon länger keine Antwort habe.
Und dann gibt es diese seltenen Momente, in denen nichts mehr getan werden muss und sich das auch nicht wie ein Mangel anfühlt. Kein Ziel, kein nächster Punkt, kein Bedürfnis, den Augenblick sofort sinnvoll zu machen. Ich empfinde solche Momente inzwischen nicht als verlorene Zeit. Eher wie eine Stelle im Leben, an der ich für einen Augenblick nicht über das definiert bin, was ich leiste. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Beschäftigung so verführerisch sein kann. Sie hält uns in Bewegung und erspart uns damit die leise, schwerer zu beantwortende Frage, was von uns übrig bleibt, wenn wir gerade nichts tun müssen.