Warum Stille uns manchmal Angst macht

Was passiert, wenn wir wirklich zur Ruhe kommen

Warum Stille uns manchmal Angst macht

Es gibt Abende, an denen ich erst bemerke, wie laut mein Tag gewesen ist, wenn plötzlich nichts mehr da ist. Kein Gespräch, keine Nachricht, kein Bildschirm, keine Musik im Hintergrund. Nur ein Raum, mein eigener Atem und diese eigentümliche Leere, die zunächst fast ungewohnt wirkt. Eigentlich müsste genau das erholsam sein. Und doch habe ich oft erlebt, dass Stille nicht sofort beruhigt. Manchmal macht sie mich unruhiger als jeder Lärm zuvor. Gedanken, die tagsüber kaum zu hören waren, treten plötzlich näher. Gefühle, die zwischen Terminen, Aufgaben und Ablenkungen verschwunden sind, werden deutlicher. In solchen Momenten habe ich verstanden, dass wir uns nicht immer vor dem Lärm schützen müssen. Manchmal benutzen wir ihn auch, um etwas anderes nicht hören zu müssen.

Unser Alltag bietet dafür unzählige Möglichkeiten. Kaum entsteht ein leerer Moment, greifen wir nach etwas. Wir lesen Nachrichten, sehen ein Video, öffnen eine App, beginnen ein Gespräch oder beschäftigen uns mit einer Kleinigkeit, die eigentlich warten könnte. Das geschieht oft ganz automatisch. Ich kenne diese Bewegung auch von mir. Es muss dabei nicht einmal um bewusste Flucht gehen. Häufig ist es nur eine Gewohnheit, die so selbstverständlich geworden ist, dass ich sie kaum noch bemerke. Stille dagegen verlangt nichts von mir und genau darin liegt ihre Herausforderung. Sie gibt mir keine Aufgabe, keine Richtung und keine fertige Geschichte. Sie lässt mich erst einmal mit dem zurück, was bereits da ist.

Ich habe für mich erfahren, dass wirkliche Ruhe etwas anderes ist als bloße Abwesenheit von Geräuschen. Ich kann in einem stillen Raum sitzen und innerlich vollkommen aufgewühlt sein. Gedanken können sich überschlagen, alte Gespräche wieder auftauchen, zukünftige Situationen entstehen schon im Kopf und Gefühle melden sich, für die tagsüber scheinbar kein Platz war. Früher hätte ich solche Momente vielleicht als Zeichen dafür angesehen, dass mir Stille nicht guttut. Heute nehme ich sie anders wahr. Die Unruhe entsteht nicht unbedingt durch die Stille. Oft wird in ihr nur sichtbar, was vorher bereits vorhanden war. Der Lärm hatte es nicht beseitigt, sondern lediglich überdeckt.

Gerade darin kann etwas Unbequemes liegen. Solange ich beschäftigt bin, kann ich mir relativ leicht erzählen, dass alles in Ordnung ist. Ich funktioniere, erledige Dinge, treffe Entscheidungen und bewege mich durch meinen Tag. Erst wenn diese Bewegung langsamer wird, merke ich gelegentlich, wie erschöpft ich eigentlich bin, wie sehr mich etwas beschäftigt oder wie lange ich schon über eine bestimmte Grenze hinweggegangen bin. Stille nimmt mir für einen Moment die Möglichkeit, mich ausschließlich über mein Tun zu definieren. Sie stellt keine Fragen, aber sie lässt auch nicht viele Ausweichmöglichkeiten. Vielleicht fühlt sie sich deshalb für manche Menschen so fremd an. Nicht weil dort nichts ist, sondern weil dort plötzlich mehr wahrnehmbar wird.

Ich finde es interessant, dass wir Ruhe oft suchen und sie gleichzeitig nur schwer aushalten. Wir wünschen uns weniger Stress, weniger Verpflichtungen und mehr Zeit für uns. Wenn diese Zeit dann tatsächlich entsteht, füllen wir sie häufig sehr schnell wieder. Dahinter steckt für mich kein Widerspruch, sondern etwas sehr Menschliches. Ruhe klingt angenehm, solange wir sie uns als Entspannung vorstellen. Doch echte Ruhe kann bedeuten, dass wir uns selbst begegnen, ohne sofort etwas verändern, erklären oder überspielen zu können. Nicht jede Empfindung, die dabei auftaucht, ist angenehm. Es können Zweifel sein, eine Traurigkeit, eine unerledigte Entscheidung oder einfach die Erkenntnis, dass man sich selbst in den vergangenen Wochen kaum noch gespürt hat.

Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass ich Stille weniger brauche, um bestimmte Antworten zu bekommen, als um wieder unterscheiden zu können, was in mir überhaupt geschieht. Wenn ständig etwas von außen auf mich einwirkt, verschwimmen die Grenzen leicht. Welche Gedanken sind wirklich meine eigenen? Was beschäftigt mich tatsächlich und was habe ich nur aufgenommen? Was fühlt sich stimmig an, wenn gerade niemand etwas von mir erwartet? Solche Fragen beantworte ich nicht immer bewusst. Oft verändert sich lediglich die Wahrnehmung. Etwas wird klarer, ohne dass ich es sofort benennen könnte. Für mich liegt darin ein wesentlicher Unterschied zwischen Nachdenken und innerem Wahrnehmen. Das eine versucht zu verstehen. Das andere lässt zunächst einmal zu, dass etwas da sein darf.

Diese Erfahrung berührt für mich sehr stark das, was ich mit „New Reiki – Zurück zum Ursprung“ verbinde. In meiner eigenen Beschäftigung mit Reiki und Energie wurde Stille im Laufe der Jahre immer weniger zu einer Technik und immer mehr zu einem Raum, in dem ich überhaupt erst bemerken konnte, was ich wahrnehme. Ich habe für mich erfahren, dass ich nicht ständig etwas herstellen oder verstärken muss. Oft geht es eher darum, den inneren Lärm für einen Moment nicht weiter zu füttern. Gerade dann kann Wahrnehmung feiner werden. Das ist für mich keine objektive Wahrheit, die für jeden Menschen gleich funktionieren muss. Es ist eine Erfahrung, die mir gezeigt hat, dass innere Verbindung nicht immer dort entsteht, wo ich besonders viel tue, sondern häufig dort, wo ich aufhöre, etwas erzwingen zu wollen.

Interessanterweise hat sich dadurch auch mein Verhältnis zur Unruhe verändert. Ich erwarte nicht mehr, dass Stille mich sofort friedlich macht. Wenn ich zur Ruhe komme und merke, dass in mir vieles in Bewegung ist, empfinde ich das nicht automatisch als Scheitern. Es ist einfach das, was in diesem Moment sichtbar wird. Diese Haltung nimmt der Stille etwas von ihrem Anspruch. Sie muss nichts leisten. Sie muss mich nicht entspannen, klären oder verändern. Vielleicht beginnt echte Ruhe sogar erst dort, wo ich nicht mehr von ihr verlange, dass sie sich auf eine bestimmte Weise anfühlt.

Heute denke ich manchmal an diese ersten Minuten zurück, in denen ein Raum still wird und mein Inneres noch nach dem Lärm des Tages klingt. Früher hätte ich diesen Zustand möglichst schnell verändern wollen. Inzwischen bleibe ich öfter einfach darin. Nicht immer lange, nicht immer mit großer Erkenntnis. Manchmal wird es ruhiger, manchmal auch nicht. Doch irgendwo zwischen dem letzten äußeren Geräusch und dem ersten Gedanken, den ich nicht sofort weiterverfolge, entsteht für mich ein ganz eigener Moment. Vielleicht ist es genau dieser Augenblick, vor dem wir uns gelegentlich fürchten: der Moment, in dem nichts mehr zwischen uns und uns selbst steht.



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