Das Wort Macht hat für mich lange etwas Äußerliches gehabt. Ich verband es mit Positionen, Einfluss, Geld, Entscheidungen, Hierarchien und mit Menschen, die bestimmen können, was andere tun oder lassen dürfen. Macht schien etwas zu sein, das jemand besitzt und ein anderer nicht. Erst viel später begann mich eine andere Seite dieses Wortes zu beschäftigen. Ich fragte mich, ob es einen Unterschied macht, Macht zu haben oder selbst in seiner Kraft zu stehen. Nicht im Sinne von Stärke, Überlegenheit oder Durchsetzungsvermögen, sondern als eine innere Verankerung, die nicht erst dadurch entsteht, dass mir jemand folgt, mich bestätigt oder mir einen bestimmten Platz zugesteht. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass sich hinter diesen beiden Formen etwas vollkommen Unterschiedliches verbergen kann.
Macht zu haben bedeutet zunächst, Einfluss nehmen zu können. Daran ist für mich nichts grundsätzlich Negatives. Jeder Mensch besitzt in bestimmten Situationen Macht. Eltern haben sie gegenüber ihren Kindern, Vorgesetzte gegenüber Mitarbeitern, Lehrer gegenüber Schülern, Menschen mit Wissen gegenüber jenen, die dieses Wissen gerade suchen. Auch Aufmerksamkeit, Sprache, Geld oder gesellschaftliches Ansehen können Macht verleihen. Entscheidend scheint mir weniger, ob sie vorhanden ist, sondern was sie in uns berührt. Ich habe beobachtet, wie leicht äußere Macht ein Gefühl von Sicherheit erzeugen kann. Wenn andere auf mich hören, wenn meine Entscheidung Gewicht hat oder wenn ich bestimmen kann, was geschieht, fühlt sich die eigene Position stabiler an. Doch gerade dort begann ich mich zu fragen, wie stabil etwas wirklich ist, das davon abhängig bleibt, dass andere meine Bedeutung bestätigen.
Denn äußere Macht besitzt eine eigentümliche Unsicherheit. Was ich haben kann, kann ich auch verlieren. Eine Position endet. Anerkennung verschiebt sich. Menschen wenden sich ab. Wissen, das mir einmal einen Vorsprung gegeben hat, wird allgemein zugänglich. Einfluss kann wachsen und wieder verschwinden. Wenn mein Gefühl von Bedeutung stark daran gebunden ist, was ich kontrollieren oder bewirken kann, entsteht daraus fast zwangsläufig die Sorge, diesen Einfluss zu verlieren. Ich sehe darin einen merkwürdigen Widerspruch: Ausgerechnet Macht, die Sicherheit versprechen soll, kann eine große Abhängigkeit erzeugen. Je wichtiger mir ihre äußeren Zeichen werden, desto mehr brauche ich die Bedingungen, die sie aufrechterhalten.
Anders fühlt es sich für mich an, wenn ich an Macht nicht als Besitz denke, sondern als inneres Vermögen. Dann geht es nicht darum, über jemanden zu verfügen, sondern über mein eigenes Handeln entscheiden zu können. Ich kann Nein sagen, ohne den anderen kleinmachen zu müssen. Ich kann eine Grenze ziehen, ohne daraus einen Kampf entstehen zu lassen. Ich kann eine andere Meinung stehen lassen, ohne meine eigene dadurch bedroht zu sehen. Diese Art von Macht ist weniger sichtbar. Sie benötigt kein Publikum und keine besondere Stellung. Ich nehme sie dort wahr, wo ein Mensch sich selbst nicht verlassen muss, nur um Zustimmung zu erhalten. Vielleicht gefällt mir deshalb der Ausdruck „Macht sein“. Er beschreibt für mich keinen Zustand der Überlegenheit, sondern etwas, das bereits vorhanden ist, wenn ich Verantwortung für mich übernehme, anstatt meinen Wert davon abhängig zu machen, wie viel Einfluss ich auf andere ausüben kann.
Ich kenne aus meinem eigenen Leben auch die andere Bewegung. Es gibt Situationen, in denen ich lieber beeinflussen würde, wie jemand über mich denkt, als auszuhalten, dass seine Wahrnehmung nicht in meiner Hand liegt. Ich könnte mich erklären, weiter argumentieren, versuchen, einen Eindruck zu korrigieren oder eine Reaktion hervorzurufen, die sich für mich besser anfühlt. Je genauer ich solche Momente betrachte, desto öfter entdecke ich darunter keine Stärke, sondern Unsicherheit. Der Wunsch, etwas im Außen zu steuern, entsteht dann gerade deshalb, weil ich mich innen nicht sicher fühle. Das finde ich bemerkenswert, weil Macht von außen häufig genau umgekehrt aussieht. Wer bestimmt, scheint stark zu sein. Doch nicht jedes Durchsetzen kommt aus Stärke und nicht jedes Zurücktreten aus Schwäche.
Auch in Beziehungen zeigt sich dieser Unterschied für mich sehr deutlich. Es gibt eine Macht, die versucht, den anderen zu binden, zu überzeugen, zu verändern oder subtil in eine gewünschte Richtung zu bewegen. Sie kann sogar als Fürsorge erscheinen. Ich weiß schließlich, was gut wäre. Ich möchte nur helfen. Ich will verhindern, dass jemand einen Fehler macht. Solche Gedanken kenne ich und sie können vollkommen ehrlich gemeint sein. Trotzdem bleibt die Frage, wo Fürsorge endet und mein Bedürfnis beginnt, Einfluss auf eine Entscheidung zu behalten, die eigentlich einem anderen Menschen gehört. Inzwischen empfinde ich es als eine wesentlich anspruchsvollere Form innerer Stärke, einem Menschen seine Freiheit zu lassen, auch wenn mir seine Entscheidung nicht gefällt. Nicht Gleichgültigkeit, sondern Nähe ohne Besitzanspruch.
Dabei komme ich immer wieder auf die Frage zurück, weshalb äußere Macht für uns so anziehend sein kann. Für mich hat das viel mit unserem Selbstbild zu tun. Einfluss bestätigt uns. Wer gebraucht wird, fühlt sich bedeutsam. Wer gefragt wird, erlebt sich als kompetent. Wer Entscheidungen trifft, spürt Wirkung. All das ist menschlich und muss nicht problematisch sein. Schwierig wird es erst, wenn ich diese Wirkung brauche, um mich selbst zu spüren. Dann können Rollen entstehen, aus denen ich nur schwer wieder herauskomme. Ich muss der Wissende bleiben, der Starke, der Helfende, derjenige, der alles im Griff hat. Und plötzlich dient die Macht nicht mehr nur einer Aufgabe. Sie beginnt, meine Identität zu schützen.
Gerade deshalb berührt dieses Thema für mich auch vieles in „New Reiki – Zurück zum Ursprung“. In meiner Beschäftigung mit Reiki habe ich mich immer stärker gefragt, was geschieht, wenn spirituelle Erfahrung von äußeren Autoritäten abhängig gemacht wird. Wenn jemand glaubt, ein anderer müsse ihm Zugang zu etwas geben, das er selbst niemals unmittelbar erfahren könne, entsteht ein bestimmtes Machtverhältnis. Meine persönliche Erfahrung hat mich zunehmend in die andere Richtung geführt. Für mich liegt etwas Wesentliches darin, der eigenen Wahrnehmung wieder Raum zu geben und Verantwortung für die eigene Erfahrung zu übernehmen. Nicht weil Lehrer, Wissen oder Begleitung wertlos wären, sondern weil Hilfe für mich etwas anderes ist als Abhängigkeit. Dort, wo ein Mensch mich zurück zu mir selbst führt, empfinde ich keine Verringerung seiner Bedeutung. Im Gegenteil. Gerade darin zeigt sich für mich eine Form von Stärke, die nichts festhalten muss.
Heute erscheint mir Macht deshalb viel weniger eindeutig als früher. Ich erkenne sie nicht mehr nur daran, wer entscheidet, wer spricht oder wer andere beeinflussen kann. Oft interessiert mich mehr, wer ohne diese Bestätigung noch derselbe bleibt. Wer eine Meinung aushält, die ihm nicht gefällt. Wer etwas loslassen kann, obwohl er es festhalten könnte. Wer Wissen besitzt, ohne daraus Überlegenheit zu machen. Und ich merke auch bei mir selbst, wie unterschiedlich es sich anfühlt, etwas durchsetzen zu können oder es nicht mehr durchsetzen zu müssen. Vielleicht liegt genau dort eine stille Grenze, die von außen kaum sichtbar ist: zwischen der Macht, die ich festhalten muss, und jener, die mir niemand nehmen kann, weil sie nie darin bestand, über jemand anderen zu verfügen.