Ich kenne diese Momente, in denen ich eigentlich satt bin und trotzdem noch etwas essen möchte. Nicht, weil mein Körper nach Nahrung verlangt, sondern weil da dieser Gedanke an einen bestimmten Geschmack auftaucht. Etwas Süßes, etwas Salziges, etwas Knuspriges, genau dieses eine Lebensmittel, auf das ich plötzlich Lust bekomme. Wenn ich genauer hinsehe, merke ich, wie wenig dieses Verlangen manchmal mit Hunger zu tun hat. Mein Magen braucht nichts mehr, aber mein Kopf erinnert sich an einen Geschmack und beginnt bereits, ihn vorwegzunehmen. Das hat mich irgendwann zu einer einfachen Frage gebracht, die viel größer wurde, je länger ich darüber nachdachte: Wie oft essen wir eigentlich, weil unser Körper Nahrung braucht, und wie oft essen wir, weil wir ein bestimmtes Gefühl, einen Reiz oder einen vertrauten Genuss noch einmal erleben möchten?
Hunger empfinde ich anders als Appetit. Echter Hunger ist für mich weniger wählerisch. Wenn ich wirklich hungrig bin, kann vieles gut schmecken. Der Wunsch nach einem ganz bestimmten Lebensmittel dagegen fühlt sich viel gezielter an. Dann geht es nicht einfach darum, etwas zu essen, sondern um genau diesen Geschmack, diese Konsistenz, dieses kurze Erlebnis. Natürlich ist Genuss nichts Problematisches. Essen darf schmecken, Freude machen und etwas Sinnliches haben. Mich interessiert vielmehr, wie schnell Genuss von einer bewussten Erfahrung zu einem automatischen Impuls werden kann. Der Geschmack ist kaum verklungen, und schon entsteht die Vorstellung vom nächsten Bissen. Nicht weil der vorige schlecht war, sondern gerade weil er gut war. Das finde ich faszinierend, denn in diesem Moment zeigt sich, wie leicht etwas Angenehmes den Wunsch nach Wiederholung erzeugt.
Unsere Lebensmittelwelt verstärkt diese Bewegung auf eine Weise, die früher kaum möglich gewesen sein dürfte. Wir leben nicht in einer Umgebung, in der Essen nur verfügbar ist, wenn der Körper es dringend benötigt. Geschmack ist nahezu ständig erreichbar. Süßes, Fettiges, Salziges, intensive Aromen und unterschiedlichste Konsistenzen begegnen uns in einer Fülle, die unser Verlangen ständig neu ansprechen kann. Viele Produkte sind gezielt darauf ausgelegt, besonders attraktiv zu schmecken und Lust auf mehr zu machen. Für mich bedeutet das nicht, dass wir diesen Reizen hilflos ausgeliefert wären. Aber ich finde es wichtig, mir bewusst zu machen, dass mein Wunsch nach einem bestimmten Essen nicht immer eine Botschaft meines Körpers ist. Er kann ebenso aus Gewohnheit, Erinnerung, Verfügbarkeit oder aus der Erwartung eines angenehmen Gefühls entstehen.
Gerade Gewohnheiten spielen dabei für mich eine große Rolle. Der Kaffee gehört zu etwas Süßem, der Film zu Knabbereien, ein bestimmter Abend zu einer bestimmten Mahlzeit. Irgendwann genügt schon die Situation, damit der Appetit auftaucht. Der Körper kann satt sein, doch die Verbindung ist längst gelernt. Ich habe bei mir beobachtet, dass sich solche Muster erstaunlich selbstverständlich anfühlen. Sie werden kaum als Entscheidung erlebt. Der Moment ruft das Essen beinahe von selbst hervor. Das ist keine moralische Frage und für mich auch kein Grund, Genuss zu misstrauen. Es zeigt nur, wie eng Essen mit Erinnerungen, Ritualen und Erwartungen verknüpft sein kann. Was ich als Hunger bezeichne, ist dann möglicherweise ein Wunsch nach Vertrautheit.
Noch deutlicher wird es für mich an Tagen, an denen Essen eine Stimmung verändert. Nach Anstrengung kann etwas Gutes wie eine Belohnung wirken. Bei Langeweile schafft Essen einen kurzen Reiz. Nach einem schwierigen Gespräch kann ein vertrauter Geschmack beruhigen oder wenigstens für einen Moment ablenken. Ich kenne solche Situationen und finde daran nichts Ungewöhnliches. Essen ist schließlich seit frühester Kindheit nicht nur Nahrungsaufnahme. Es ist mit Nähe, Trost, Gemeinschaft, Feiern und Geborgenheit verbunden. Trotzdem wird es interessant, wenn ich bemerke, dass ich nicht mehr genau unterscheiden kann, wonach ich gerade eigentlich verlange. Ist es Nahrung, Geschmack, Ablenkung, Entspannung oder schlicht etwas Angenehmes nach einem anstrengenden Tag?
Der Begriff „Geschmackssucht“ ist für mich deshalb weniger eine medizinische Diagnose als ein Bild für eine Beobachtung. Es geht mir nicht darum, jeden Wunsch nach Genuss zu pathologisieren. Ich meine damit eher diesen Zustand, in dem der Geschmack selbst immer wieder nach Wiederholung ruft und ich kaum noch merke, ob ich tatsächlich Hunger habe. Der erste Bissen kann intensiv sein, der zweite noch immer sehr gut, während später oft eher die Bewegung des Weiteressens übrig bleibt. Etwas in mir sucht dann nicht mehr unbedingt nach mehr Genuss, sondern nach der Fortsetzung eines Reizes. Gerade das finde ich bemerkenswert. Wir können essen, obwohl das eigentliche Geschmackserlebnis längst schwächer geworden ist, einfach weil der Impuls weiterläuft.
An diesem Punkt berührt das Thema für mich auch „Ich – Deine beste Lügnerin“. In dem Buch beschäftige ich mich mit den kleinen Geschichten, durch die wir unser Verhalten vor uns selbst erklären. Auch beim Essen begegnen mir solche inneren Sätze. „Ich brauche jetzt etwas Süßes.“ „Das habe ich mir verdient.“ „Ein bisschen geht noch.“ Solche Gedanken sind nicht automatisch falsch und ich möchte sie auch nicht verbieten. Interessant wird es für mich erst, wenn ich sie für Tatsachen halte, ohne zu prüfen, was wirklich dahinterliegt. Ich brauche vielleicht nicht diesen Geschmack. Ich möchte ihn. Allein dieser kleine Unterschied verändert für mich etwas, weil er aus einem scheinbaren Bedürfnis wieder eine Entscheidung macht.
Je genauer ich darauf achte, desto stärker verändert sich auch mein Verhältnis zum Genuss. Wenn ich wirklich Lust auf etwas habe und es bewusst esse, schmeckt es für mich oft intensiver, als wenn ich nebenbei immer weiter zugreife. Genuss braucht erstaunlicherweise nicht unbedingt Menge. Manchmal braucht er eher Aufmerksamkeit. Das passt für mich zu vielen anderen Bereichen des Lebens. Wenn ein Reiz ständig verfügbar ist, verliert er irgendwann seine Tiefe und wir suchen nach mehr davon, obwohl genau dieses Mehr das Empfinden weiter abstumpfen kann. Das betrifft nicht nur Essen. Auch Musik, Unterhaltung, Informationen oder Konsum können in dieselbe Richtung gehen. Wir erhöhen die Menge und merken dabei kaum, dass unsere Wahrnehmung leiser wird.
Heute interessiert mich beim Essen deshalb weniger die Frage, ob etwas erlaubt oder verboten ist. Solche Kategorien haben mich nie besonders angesprochen. Viel spannender finde ich diesen kurzen Augenblick, in dem ein Wunsch auftaucht. Wenn ich satt bin und trotzdem zur Küche gehe, wenn mir plötzlich ein bestimmter Geschmack durch den Kopf geht oder wenn meine Hand schon nach etwas greift, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe. In diesem kleinen Moment liegt für mich etwas sehr Ehrliches. Nicht die Frage, ob ich essen darf, sondern ob ich gerade Hunger habe oder nach etwas ganz anderem suche. Und manchmal ist die Antwort überraschend einfach: Mein Körper ist längst zufrieden. Nur mein Geschmack möchte noch ein wenig weiterträumen.