Wenn ich einen Wald betrachte, sehe ich heute etwas anderes als noch vor vielen Jahren. Früher waren da Bäume, Pflanzen, Tiere, Erde, Licht und Wasser, jedes für sich erkennbar und voneinander unterscheidbar. Inzwischen fällt mir stärker auf, wie wenig davon tatsächlich für sich allein existieren könnte. Der Baum braucht den Boden, der Boden lebt von unzähligen Organismen, das Wasser verbindet Bereiche miteinander, Insekten tragen Pollen weiter, Pilze bilden unterirdische Netzwerke, abgestorbenes Leben wird wieder zur Grundlage für neues. Nichts davon muss ich mystisch erklären, um die Verbindung zu erkennen. Sie ist sichtbar, biologisch, materiell und vollkommen alltäglich. Und jedes Mal, wenn ich länger darüber nachdenke, komme ich unweigerlich bei uns Menschen an. Wir sehen uns gern als einzelne Wesen mit einem eigenen Leben, einem eigenen Willen und einer eigenen Geschichte. Das sind wir auch. Gleichzeitig ist kaum etwas von dem, was wir sind, wirklich nur aus uns selbst entstanden.
Schon mein eigener Körper erinnert mich daran. Die Luft, die ich gerade einatme, war wenige Augenblicke zuvor noch außerhalb von mir. Wasser, Nahrung und unzählige Stoffe aus meiner Umgebung werden Teil meines Körpers und verlassen ihn irgendwann wieder. Selbst auf dieser ganz nüchternen Ebene ist die Grenze zwischen mir und der Welt weniger starr, als sie sich im Alltag anfühlt. Ich bin nicht abgeschlossen in einer festen Hülle, sondern stehe fortwährend im Austausch mit meiner Umgebung. Das verändert für mich den Gedanken von Verbundenheit. Er muss nicht erst dort beginnen, wo ich von unsichtbaren Energien oder spirituellen Zusammenhängen spreche. Er beginnt bereits beim Atem. Ich kann mich als getrennt erleben und bin dennoch in jedem Augenblick auf etwas angewiesen, das außerhalb meiner selbst liegt.
Noch deutlicher spüre ich diese Verbindung im Umgang mit Menschen. Ein einziger Satz kann einen Tag verändern. Eine beiläufige Freundlichkeit kann länger in mir nachwirken, als der andere ahnt. Ebenso können Gleichgültigkeit, Härte oder eine unbedachte Bemerkung etwas auslösen, das sich weit über den eigentlichen Moment hinaus fortsetzt. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie selten wir wirklich wissen, was unsere Anwesenheit in einem anderen Menschen bewirkt. Wir begegnen jemandem für wenige Minuten und gehen weiter, doch unser Verhalten kann Teil seiner nächsten Entscheidung, seiner Stimmung oder seines Bildes von sich selbst werden. Umgekehrt trage auch ich Spuren von Begegnungen in mir, deren Bedeutung den anderen Menschen wahrscheinlich nie bewusst war. Verbundenheit zeigt sich für mich deshalb nicht nur in Nähe oder tiefen Beziehungen. Sie wirkt auch dort, wo unsere Wege sich nur kurz berühren.
Das führt mich zu einem Gedanken, den ich zunehmend ernst nehme: Vieles, was ich für vollkommen persönlich halte, ist in Wahrheit aus Beziehung entstanden. Meine Sprache stammt nicht von mir. Werte, Vorstellungen, Ängste, Wünsche und Bilder davon, was ein gelungenes Leben sein könnte, sind nicht in einem leeren Raum entstanden. Familie, Kultur, Erfahrungen, Zeitgeist, Bücher, Gespräche und gesellschaftliche Erwartungen haben daran mitgeschrieben. Das nimmt mir meine Individualität nicht. Es macht sie für mich eher interessanter. Ich bin kein fertiges Wesen, das unabhängig von allem anderen entstanden ist, sondern ein Mensch, der aus unzähligen Einflüssen etwas Eigenes formt. Auch meine Entscheidungen wirken anschließend wieder zurück in dieses Geflecht. In diesem Sinn sind wir zugleich geprägt und prägend.
Unsere heutige Welt macht diese Verbindungen oft auf eine eigenartige Weise sichtbar. Ich kann am Morgen einen Gegenstand benutzen, dessen Rohstoffe aus mehreren Ländern stammen, Kleidung tragen, die von Menschen hergestellt wurde, die ich nie kennenlernen werde, Nachrichten aus einem anderen Kontinent lesen und Lebensmittel essen, deren Weg zu mir kaum noch nachvollziehbar ist. Was für mich selbstverständlich im Regal liegt, ist das Ergebnis vieler Hände, Entscheidungen, Transportwege und natürlicher Voraussetzungen. Gerade diese Selbstverständlichkeit lässt mich gelegentlich vergessen, wie abhängig mein Alltag von Menschen und Systemen ist, die außerhalb meines unmittelbaren Blickfeldes liegen. Der Gedanke, alles sei miteinander verbunden, klingt dann plötzlich nicht mehr nur spirituell. Er bekommt eine wirtschaftliche, ökologische und menschliche Seite. Mein Leben reicht weiter in die Welt hinein, als ich bei einer alltäglichen Handlung wahrnehme.
Gleichzeitig möchte ich mit dieser Vorstellung vorsichtig sein. Der Satz „Alles ist miteinander verbunden“ wird in spirituellen Zusammenhängen schnell sehr groß. Dann klingt es, als ließe sich jedes Ereignis mit jedem anderen verbinden oder als müsse alles, was mir begegnet, eine verborgene Botschaft für mich tragen. So nehme ich es nicht wahr. Verbindung bedeutet für mich nicht, dass es keine Zufälle mehr geben darf oder dass jedes Geschehen energetisch für mich bestimmt wäre. Auch möchte ich reale Ursachen nicht durch eine spirituelle Erklärung ersetzen. Gerade weil mich Verbundenheit fasziniert, finde ich es wichtig, sie nicht zu einer Antwort auf alles zu machen. Es gibt nachweisbare Zusammenhänge, persönliche Erfahrungen und Bereiche, in denen ich schlicht nicht weiß, was miteinander verbunden ist und was nicht.
In meiner Beschäftigung mit Reiki und Energie habe ich Verbindung noch auf einer anderen Ebene erlebt. Ich habe für mich erfahren, dass sich meine Wahrnehmung verändert, wenn ich nicht nur darauf achte, was in mir selbst geschieht, sondern auch darauf, wie ich einen Raum, einen Menschen oder eine Situation erlebe. Es gibt Begegnungen, die sich für mich offen und leicht anfühlen, andere erzeugen Spannung oder Unruhe. Ich kann nicht behaupten, dass jede solche Empfindung eine objektiv messbare energetische Ursache besitzt. Stimmung, Körpersprache, Erinnerungen und unbewusste Wahrnehmung spielen ebenfalls eine Rolle. Trotzdem ist für mich die Erfahrung geblieben, dass wir einander weit feiner wahrnehmen, als es unsere bewussten Gedanken oft erkennen. In „New Reiki – Zurück zum Ursprung“ berührt genau das einen wichtigen Gedanken für mich: Verbindung nicht zuerst als Theorie zu verstehen, sondern als etwas, das in der eigenen Wahrnehmung überprüft werden darf.
Je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger bedeutet Verbundenheit für mich, dass wir alle gleich seien oder unsere Grenzen verlieren müssten. Im Gegenteil. Eine wirkliche Verbindung braucht Unterschiede. Ein Wald besteht nicht daraus, dass alles dasselbe wird. Gerade weil jedes Lebewesen seine eigene Form und Funktion hat, kann ein größeres Gefüge entstehen. Auch unter Menschen empfinde ich Nähe nicht dort am stärksten, wo wir uns vollständig angleichen, sondern dort, wo Unterschiedlichkeit bestehen darf, ohne sofort Trennung zu bedeuten. Ich kann mit dir verbunden sein und dennoch anders denken. Ich kann einen Menschen lieben und trotzdem Grenzen haben. Ich kann Anteil nehmen, ohne sein Leben für ihn zu leben. Diese Art von Verbindung fühlt sich für mich reifer an als die Vorstellung, wir müssten alle dasselbe empfinden, damit wir zusammengehören.
Und dann verändert sich für mich noch etwas, wenn ich diesen Gedanken wirklich an mich heranlasse. Meine Handlungen erscheinen weniger abgeschlossen. Ein Wort endet nicht immer in dem Moment, in dem ich es ausgesprochen habe. Eine Entscheidung betrifft nicht immer nur mich. Auch das, was ich unterlasse, kann Wirkung haben. Das bedeutet für mich keine dauernde moralische Last und auch nicht, dass ich jede Folge meines Handelns voraussehen könnte. Es macht mich nur aufmerksamer für die Tatsache, dass mein Leben nicht an meiner Haut endet. Ich stehe in Beziehungen, in Kreisläufen, in Geschichten und in einer Welt, die mich fortwährend beeinflusst und die ich zugleich ein kleines Stück mitgestalte. Wenn ich abends irgendwo still sitze und diesen Gedanken wirklich zulasse, fühlt sich das nicht an, als würde ich mich in etwas Größerem verlieren. Eher so, als würde ich für einen Moment erkennen, dass ich niemals so allein gewesen bin, wie ich mich manchmal gefühlt habe.